
Systeme zur Beurteilung des Wesens
von Welpen und Hunden
Geschichte der Systeme zur Wesensbeurteilung von Welpen und Hunden
Über viele Jahrtausende war die Auswahl eines Welpen erstaunlich einfach. Der Züchter beobachtete den Wurf ein paar Minuten und sagte: „Den nehme ich.“ Erstaunlicherweise lag er damit oft richtig.
Doch als Blindenführhunde, Polizeihunde und Rettungshunde immer wichtiger wurden, reichte Intuition allein nicht mehr aus. Es musste eine wissenschaftlichere Methode her.
1930er Jahre • Die ersten Tests (USA)
Die ersten Verhaltenstests entstanden, um geeignete Blindenführhunde auszuwählen. Die Ausbildung eines Hundes kostete viel Zeit und Geld. Deshalb war es sinnvoller, bereits nach wenigen Wochen zu erkennen, dass ein Welpe ungeeignet war – und nicht erst nach einem Jahr Ausbildung.
Was war der Fortschritt? Die Erkenntnis, dass sich das Temperament bereits im Welpenalter beurteilen lässt.
1950er Jahre • Scott und Fuller (USA)
Die amerikanischen Forscher John Paul Scott und John L. Fuller brachten die Verhaltensforschung ins Labor.
Über viele Jahre untersuchten sie den Einfluss von Genetik und Umwelt auf die Entwicklung von Welpen und entdeckten, dass es besonders wichtige Entwicklungsphasen gibt, in denen sich Verhalten zuverlässig beurteilen lässt. Was war der Fortschritt? Die wissenschaftliche Grundlage moderner Verhaltenstests.
1960er Jahre • Pfaffenberger (USA)
Clarence Pfaffenberger übertrug diese Erkenntnisse auf Programme für Blindenführhunde. Sein Ziel war nicht mehr nur, Verhalten zu erforschen, sondern die Ergebnisse für bessere Auswahlentscheidungen zu nutzen.
Was war der Fortschritt? Er zeigte, dass Verhaltenstests Jahre an Ausbildung sparen können.
1970er Jahre • Campbell (USA)
Der Psychologe William Campbell dachte an die Züchter. Er entwickelte einen schnellen und einfachen Test, der ohne Labor und Spezialausrüstung durchgeführt werden konnte.
Was war der Fortschritt? Der erste wirklich praxistaugliche Welpentest für jeden Züchter.
Ende der 1970er Jahre • Volhard (USA)
Jack und Wendy Volhard stellten fest, dass sich ein Welpe nicht anhand einer einzigen Reaktion beurteilen lässt.
Sie schlugen vor, alle Testergebnisse als Gesamtbild zu betrachten und nicht als einzelne, voneinander unabhängige Übungen. Was war der Fortschritt? Ein deutlich umfassenderes Verständnis des Temperaments.
1980er Jahre • John Fisher (Großbritannien)
Der britische Hundetrainer und Verhaltensspezialist John Fisher veränderte die Sicht auf das Verhalten von Hunden. Bis dahin konzentrierten sich viele Tests hauptsächlich auf die Einordnung eines Welpen. Fisher betonte, dass man Testergebnisse nur richtig verstehen könne, wenn man gleichzeitig weiß, wie Hunde lernen und warum sie auf bestimmte Situationen unterschiedlich reagieren. Was war der Fortschritt? Verhaltenstests wurden zunehmend im Zusammenhang mit Lernverhalten und Hundepsychologie interpretiert.
1990er Jahre • MH und BPH (Schweden)
Während viele Länder ihre Welpentests weiterentwickelten, schlug Schweden einen anderen Weg ein.
Anstatt das zukünftige Wesen eines Welpen vorherzusagen, entwickelte der Schwedische Kennel Club standardisierte Verfahren zur Beurteilung des Verhaltens erwachsener Hunde in realistischen Alltagssituationen. Zunächst entstand der MH (Mentalbeskrivning Hund), später der BPH (Beteende- och Personlighetsbeskrivning Hund), der heute bei zahlreichen Hunderassen eingesetzt wird. Was war der Fortschritt? Eine objektive und standardisierte Verhaltensbeurteilung als Grundlage für verantwortungsvolle Zucht und genetische Selektion.
21. Jahrhundert • Avidog (USA)
Die Entwickler von Avidog gingen noch einen Schritt weiter. Ein Verhaltenstest bleibt wichtig – doch genauso wichtig ist es, einen Welpen über mehrere Tage zu beobachten, seine Eltern zu kennen und seine Entwicklung zu verstehen. Was war der Fortschritt? Auch der Gesamtkontext gehört zur Beurteilung.
Puppy Culture (USA)
Puppy Culture stellte eine weitere weit verbreitete Vorstellung infrage: Der Charakter eines Hundes wird nicht allein durch seine Gene bestimmt. Frühe Erfahrungen, Sozialisierung und Umwelt prägen den späteren Hund ebenso entscheidend. Was war der Fortschritt?
Frühförderung und Sozialisierung wurden zu einem festen Bestandteil der Verhaltensbeurteilung.
Heute • Neurowissenschaft und Ethologie
Heute lautet die Frage nicht mehr nur: „Wie ist dieser Welpe?“ Sondern auch: „Warum verhält er sich so?“
Neurowissenschaft, Genetik und moderne Ethologie erforschen heute, wie Gene, Hormone, Stress und Umwelt während der Entwicklung miteinander zusammenwirken. Was ist der Fortschritt?
Das Verständnis, dass kein Test die Zukunft eines Hundes mit hundertprozentiger Sicherheit vorhersagen kann. Sein Wesen bleibt immer eine Mischung aus Genetik, Erfahrungen … und einer kleinen Portion ganz persönlicher Hundementalität. Und eine gute Nachricht für alle Welpen: Nach fast einem Jahrhundert Forschung haben Wissenschaftler noch immer keinen Test entwickelt, der erklären kann, warum manche Hunde genau fünf Sekunden nach dem Baden schnurstracks in die erste Schlammpfütze laufen.
Die wichtigsten Bewertungssysteme fuer Welpen
Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Tests und Bewertungsmethoden entwickelt. Einige sind eher klassisch, andere moderner, doch alle verfolgen dasselbe Ziel: den Welpen besser zu verstehen.
Welches ist das beste System? Es gibt keinen einzigen perfekten Test. Jedes System liefert nuetzliche Informationen, aber am wichtigsten sind die Erfahrung des Zuechters und die kontinuierliche Beobachtung des Welpen in unterschiedlichen Situationen.




