
Welche Hunderasse ist die intelligenteste?
Was die Wissenschaft dazu sagt
Wie misst man die Intelligenz eines Hundes?
Bevor wir beantworten, welche Hunderasse die intelligenteste ist, lohnt es sich, eine viel spannendere Frage zu stellen. Stell dir vor, jemand würde dich bitten, den intelligentesten Menschen der Welt zu bestimmen. Wie würdest du das machen? Mit einer Matheprüfung? Einem Gedächtnistest? Einem Schachturnier?
Oder vielleicht mit der Aufgabe, ein IKEA-Regal aufzubauen – ganz ohne Anleitung?
Wahrscheinlich würde keine dieser Prüfungen ausreichen. Und bei Hunden ist es ganz genauso.
Die Intelligenz eines Hundes besteht nicht aus einer einzigen Fähigkeit, sondern aus vielen unterschiedlichen. Manche Rassen lernen neue Kommandos erstaunlich schnell. Andere lösen Probleme selbstständig, merken sich Wege über Jahre hinweg oder verstehen unsere Gesten fast ohne Worte.
Also … was lässt sich eigentlich wirklich messen?

Lerngeschwindigkeit. Wie viele Wiederholungen braucht ein Hund, um eine neue Aufgabe zu lernen?
Gedächtnis. Wie lange erinnert er sich an das Gelernte?
Problemlösungsfähigkeit. Kann ein Hund selbstständig eine Lösung finden, wenn ihm niemand sagt, was er tun soll?
Arbeitsintelligenz. Wie gut erfüllt er die Aufgabe, für die seine Rasse ursprünglich gezüchtet wurde?
Soziale Intelligenz. Wie gut versteht ein Hund unsere Gesten, die Blickrichtung, den Tonfall oder sogar unsere Gefühle?
Entscheidungsfähigkeit. Manche Rassen wurden darauf gezüchtet, auf Anweisungen zu warten. Andere mussten selbstständig arbeiten und eigene Entscheidungen treffen. Auch diese Eigenständigkeit ist eine Form von Intelligenz.
Anpassungsfähigkeit. Wie schnell kann sich ein Hund auf neue Situationen, Veränderungen in seiner Umgebung oder unterschiedliche Aufgaben einstellen?
Seit mehr als 50 Jahren versucht man, die Intelligenz von Hunden zu messen
Auf den ersten Blick scheint das Rätsel längst gelöst zu sein.
Man muss nur irgendein Ranking im Internet öffnen, und schon steht die Antwort da: Border Collie, Pudel, Deutscher Schäferhund … fast so, als hätte jemand alle Hunde der Welt versammelt, ihnen eine Abschlussprüfung gegeben und anschließend die Noten veröffentlicht.
Doch wenn alles so einfach wäre, warum suchen Wissenschaftler dann immer noch nach neuen Methoden, um die Intelligenz von Hunden zu messen?
Die Antwort ist ziemlich einfach: Weil jedes Mal, wenn jemand glaubte, die Lösung gefunden zu haben, eine neue Frage mit dem Schwanz wedelte.
In den letzten Jahrzehnten haben Forscher sehr unterschiedliche Methoden ausprobiert. Einige untersuchten das Gedächtnis, andere die Lernfähigkeit, wieder andere die Entscheidungsfindung. Und moderne Wissenschaftler konnten sogar mithilfe der Magnetresonanztomographie beobachten, was im Gehirn von Hunden geschieht.
Jeder neue Schritt brachte wichtige Erkenntnisse. Gleichzeitig wurde aber auch klar, dass die Intelligenz von Hunden viel komplexer ist, als es anfangs schien.
Schauen wir uns Schritt für Schritt an, wie sich unser Verständnis davon verändert hat, was es wirklich bedeutet, wenn ein Hund „intelligent“ ist.
Episode 1. Alles begann mit den Reflexen
Ende des 19. Jahrhunderts versuchte der russische Physiologe Iwan Pawlow keineswegs herauszufinden, welche Hunderasse die intelligenteste ist. Tatsächlich spielte diese Frage in seiner Forschung überhaupt keine Rolle.
Hunde standen im Mittelpunkt seiner Experimente, weil sie ihm halfen zu verstehen, wie ein Organismus lernt. Seine berühmten Untersuchungen zu den konditionierten Reflexen zeigten, dass Tiere neue Verknüpfungen zwischen verschiedenen Reizen bilden und ihr Verhalten aufgrund von Erfahrungen verändern können.
Das war eine bahnbrechende Entdeckung. Zum ersten Mal erschien Lernen nicht mehr als etwas Geheimnisvolles, sondern ließ sich wissenschaftlich erklären.
Doch je mehr Wissenschaftler darüber erfuhren, wie Hunde lernen, desto deutlicher drängte sich eine andere Frage auf.
Wenn alle Hunde lernen können … lernen sie dann auch auf die gleiche Weise?
Lernen manche Rassen schneller als andere?
Und vor allem … bedeutet schnelles Lernen automatisch, intelligenter zu sein?

Episode 2. Der Mann, der den Wissenschaftlern beibrachte, nicht vorschnell Schlussfolgerungen zu ziehen
Ende des 19. Jahrhunderts waren viele Forscher davon überzeugt, dass Tiere fast genauso dachten wie Menschen.
Wenn ein Hund eine komplizierte Tür öffnete, kamen einige zu dem Schluss, dass er genau so logisch gedacht hatte wie ein Mensch.
Doch ein britischer Psychologe namens Lloyd Morgan stellte eine viel unbequemere Frage. Was, wenn es dafür eine viel einfachere Erklärung gäbe? Nachdem er über viele Jahre das Verhalten verschiedener Tiere beobachtet hatte, formulierte er eine Idee, die die Erforschung der tierischen Intelligenz für immer verändern sollte. Heute kennen wir sie als den Morgan-Kanon. Sein Grundsatz war überraschend einfach:

Wir sollten einem Tier niemals eine komplexe geistige Fähigkeit zuschreiben, wenn sich dasselbe Verhalten durch einen einfacheren Prozess – etwa durch Lernen oder Erfahrung – erklären lässt.
Diese Idee veränderte die Art und Weise, wie Hunde erforscht wurden.
Von diesem Moment an fragten sich Wissenschaftler nicht mehr nur, was ein Hund tat.
Sie begannen sich zu fragen, wie er gelernt hatte, es zu tun.
Und genau dieser Unterschied gehört bis heute zu den Grundpfeilern der modernen Verhaltensforschung.
Doch damit war die Geschichte noch nicht zu Ende.
Wenn sich Lernen wissenschaftlich erklären ließ...
Konnte man es auch messen?
Die Antwort sollte nur wenige Jahre später ein Forscher namens Edward Thorndike liefern.
Episode 3. Die Kästen, die unser Verständnis von Tieren für immer veränderten
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellte sich der amerikanische Psychologe Edward Thorndike eine scheinbar einfache Frage:
Wie lernt ein Tier eigentlich? Bis dahin glaubten viele, Tiere könnten Probleme lösen, weil sie die Situation auf irgendeine Weise „verstanden“. Thorndike wollte das überprüfen. Er entwickelte eine Reihe spezieller Kästen, die heute als Puzzle Boxes bekannt sind.
In die Kästen setzte er eine Katze, einen Hund oder ein Huhn. Außerhalb der Box befand sich Futter. Um herauszukommen, musste das Tier eine ganz bestimmte Handlung ausführen: einen Hebel betätigen, an einer Schnur ziehen oder einen Mechanismus auslösen.
Beim ersten Versuch wirkte alles völlig chaotisch. Das Tier probierte eine Möglichkeit nach der anderen aus. Es stieß dagegen. Es kratzte.
Es biss. Es drehte sich im Kreis. Bis es schließlich – fast zufällig – die Lösung fand. Doch dann geschah etwas Erstaunliches. Beim nächsten Versuch brauchte es weniger Zeit. Und beim darauffolgenden noch weniger. Nach mehreren Wiederholungen führte das Tier die richtige Bewegung fast sofort aus.
Thorndike erkannte, dass die Tiere das Problem nicht lösten, weil sie wie ein Mensch logisch darüber nachgedacht hatten. Sie lernten, weil erfolgreiche Handlungen dazu neigten, wiederholt zu werden. Handlungen, die nicht zum Erfolg führten, verschwanden dagegen nach und nach. So entstand das Gesetz des Effekts (Law of Effect). Kurz gesagt:
Verhaltensweisen, die zu einer positiven Konsequenz führen, werden mit größerer Wahrscheinlichkeit wiederholt. Verhaltensweisen, die keinen Nutzen bringen, verschwinden mit der Zeit. Heute erscheint uns diese Idee selbstverständlich. Vor mehr als hundert Jahren war sie jedoch eine echte Revolution. Ohne es zu ahnen, hatte Thorndike einen der Grundsteine der modernen Lernpsychologie gelegt. Und zugleich einen der Grundpfeiler der Hundeerziehung, wie wir sie heute kennen. Doch eine entscheidende Frage blieb noch offen. Wenn alle Tiere lernen können … bedeutet das auch, dass sie alle gleich intelligent sind? Die Antwort begann sich erst mehrere Jahrzehnte später abzuzeichnen, als zwei Forscher etwas untersuchten, das bis dahin kaum jemand berücksichtigt hatte:
den Einfluss von Genetik und Entwicklung auf das Verhalten von Hunden.

Episode 4. Zwei Wissenschaftler, die entdeckten, dass nicht alle Hunde am selben Startpunkt beginnen
Mitte des 20. Jahrhunderts beschlossen die amerikanischen Forscher John Paul Scott und John L. Fuller, einer Frage nachzugehen, die sich bis dahin kaum jemand gestellt hatte. Werden alle Hunde mit denselben Fähigkeiten geboren? Oder beeinflussen Rasse und Genetik ebenfalls, wie ein Hund lernt und sich verhält? Um diese Frage zu beantworten, begannen sie eine der ehrgeizigsten Studien in der Geschichte der Hundeforschung. Über mehr als zehn Jahre hinweg züchteten und beobachteten sie Hunderte von Hunden verschiedener Rassen unter identischen Bedingungen. Alle erhielten dieselbe Pflege. Dasselbe Futter. Sie lebten in derselben Umgebung. Und absolvierten genau dieselben Tests. Der einzige Unterschied war ihre genetische Veranlagung. Die Ergebnisse überraschten sogar die Forscher selbst.
Sie entdeckten, dass Verhalten nicht allein von der Erziehung abhängt. Auch die Genetik spielt
eine wichtige Rolle. Einige Rassen lernten bestimmte Aufgaben leichter. Andere zeigten
bestimmte Instinkte früher als andere. Und vor allem machten sie eine besonders wichtige Entdeckung: Welpen durchlaufen kritische Entwicklungsphasen. Während dieser ersten Lebenswochen gibt es ein einzigartiges Zeitfenster, in dem sie die Welt entdecken, Menschen kennenlernen, den Umgang mit anderen Hunden lernen und sich an das Zusammenleben
mit ihnen gewöhnen. Fehlen diese Erfahrungen in dieser entscheidenden Phase, können sie
später deutlich schwerer nachgeholt werden. Diese Erkenntnisse veränderten die Zucht, Sozialisierung und Erziehung von Hunden für immer. Ihr 1965 veröffentlichtes Werk
„Genetics and the Social Behavior of the Dog“ gilt bis heute als eines der bedeutendsten wissenschaftlichen Bücher, die jemals über das Verhalten von Hunden geschrieben wurden.
Doch noch immer blieb eine große Frage offen. Wenn die Genetik eine Rolle spielt …
Wie lässt sich dann die Intelligenz verschiedener Hunderassen vergleichen, ohne sie dabei
zu stark zu vereinfachen? Diese Frage sollte Jahre später einen kanadischen Professor zum wohl bekanntesten Forscher auf dem Gebiet der Hundeintelligenz machen. Sein Name war Stanley Coren.

Episode 5. Stanley Coren – War das Siegerpodest schon vergeben?
Fast hundert Jahre waren seit den Experimenten von Pawlow vergangen. Die Wissenschaft verstand inzwischen viel besser, wie Hunde lernen. Doch eine ebenso spannende Frage blieb weiterhin unbeantwortet.
Gibt es Hunderassen, die intelligenter sind als andere?
1994 beschloss der amerikanische Psychologe Stanley Coren, dieser Frage nachzugehen. Seine Idee war ebenso einfach wie genial.


Anstatt Tausende Hunde aller Rassen selbst zu testen, wandte er sich an diejenigen, die sie seit Jahren bei der Arbeit beobachteten: die Richter von Gehorsamswettbewerben in den USA und Kanada.
Mehr als zweihundert Experten beantworteten einen einfachen Fragebogen mit nur zwei Fragen.
Wie viele Wiederholungen braucht ein Hund durchschnittlich, um ein neues Kommando zu lernen?
Und wie oft führt er dieses Kommando beim ersten Mal korrekt aus? Aus diesen Antworten erstellte Coren das Ranking, das später zum bekanntesten der Welt werden sollte. An der Spitze standen der Border Collie, der Pudel, der Deutsche Schäferhund und andere Rassen mit einer außergewöhnlichen Lernfähigkeit. Sein Buch The Intelligence of Dogs wurde ein internationaler Bestseller. Schon bald tauchte sein Ranking in Zeitschriften, Büchern und Fernsehsendungen auf – und einige Jahre später auf Tausenden von Internetseiten.
Es schien, als wäre der Fall gelöst. Das Siegerpodest war vergeben.
Doch dann tauchte eine unbequeme Frage auf.
Bedeutet schneller zu lernen wirklich, intelligenter zu sein?
Episode 6. Der Wissenschaftler, der aufhörte zu fragen, wer der Intelligenteste ist
Viele Jahre lang versuchten die meisten Forscher immer dieselbe Frage zu beantworten: Welcher Hund ist der intelligenteste?
Sie verglichen Hunderassen. Sie maßen, wie schnell Hunde Kommandos lernten. Sie entwickelten neue Tests. Und sie veröffentlichten Ranglisten. Es schien, als bestünde Intelligenz nur darin, Probleme schneller zu lösen als andere. Doch ein britischer Wissenschaftler namens Clive Wynne stellte eine völlig andere Idee vor. Was, wenn wir die falsche Frage stellen? Vielleicht besteht die wahre Stärke der Hunde gar nicht darin, Rätsel zu lösen. Nicht darin, mehr Kommandos zu behalten. Und auch nicht darin, schneller zu lernen als andere Tierarten.
Vielleicht liegt ihre größte Begabung ganz woanders.
Menschen zu verstehen. Nach Wynnes Auffassung haben Hunde die Welt nicht erobert, weil sie die intelligentesten Tiere waren. Sie taten es, weil sie etwas noch Wertvolleres gelernt hatten. Sie lernten, mit uns zu leben. Unsere Gesten zu verstehen.
Unsere Stimme. Unseren Blick. Unsere Gefühle. Während andere Tierarten Fähigkeiten entwickelten, um in der Natur zu überleben, entwickelten Hunde eine außergewöhnliche Fähigkeit, mit dem Menschen zusammenzuarbeiten. Und genau diese Fähigkeit veränderte die Geschichte beider. Heute wissen wir, dass ein Hund keinen Intelligenzwettbewerb gewinnen muss, um etwas zu leisten, das nur sehr wenige Tiere können. Uns besser zu verstehen, als wir sie oft verstehen. Genau diese Idee leitete eine neue Epoche der Forschung ein. Die Wissenschaftler fragten nicht mehr nur,
wie viel ein Hund weiß. Sie begannen sich zu fragen,
wie er denkt, was er fühlt und was in seinem Gehirn geschieht.
Die Antworten darauf sollten schließlich durch eine Technologie möglich werden, die bis vor Kurzem noch wie Science-Fiction wirkte.

Episode 7. Brian Hare. Die 2000er Jahre
Was, wenn ein Hund Menschen besser versteht, als er Kommandos befolgt?
Viele Jahre lang galt das Ranking von Stanley Coren als die beste Möglichkeit, die Intelligenz verschiedener Hunderassen miteinander zu vergleichen. Doch Anfang der 2000er-Jahre tauchte eine völlig neue Frage auf. Der amerikanische Forscher Brian Hare wollte nicht herausfinden, welche Rasse am schnellsten lernt. Er wollte verstehen, wie Hunde denken.
Und um diese Frage zu beantworten, änderte er die Spielregeln komplett.
Anstatt zu messen, wie schnell ein Hund ein Kommando lernte, entwickelte Hare Experimente, in denen der Hund einen Menschen verstehen musste. Konnte er einem Finger folgen, der auf einen Behälter mit Futter zeigte? Verstand er, wohin ein Mensch blickte? Holte er Hilfe, wenn er ein Problem allein nicht lösen konnte? Im Laufe der Jahre nahmen Tausende Hunde verschiedenster Rassen an diesen Studien teil. Zum Vergleich wurden außerdem von Menschen aufgezogene Wölfe und sogar Schimpansen untersucht. Die Ergebnisse überraschten die wissenschaftliche Welt.
Viele Hunde verstanden menschliche Gesten mit erstaunlicher Leichtigkeit. In einigen sozialen Tests erzielten sie sogar bessere Ergebnisse als Schimpansen – unsere nächsten lebenden Verwandten.
Damit hatte sich auch die entscheidende Frage verändert. Bis dahin fragten viele Forscher: „Was kann ein Hund lernen?“ Nach den Arbeiten von Brian Hare trat jedoch eine andere, noch spannendere Frage in den Vordergrund: „Wie gut kann ein Hund den Menschen verstehen?“
Und erneut entstand eine neue Unbekannte.
Wenn Intelligenz aus vielen unterschiedlichen Fähigkeiten besteht … ergibt es dann überhaupt noch Sinn, nach einer einzigen Hunderasse zu suchen, die „die intelligenteste“ von allen ist?

Der Forscher berührte den richtigen Behälter nicht. Er gab auch keinen Befehl. Er zeigte lediglich mit dem
Finger darauf. Für die meisten von uns wirkt das wie ein eindeutiger Hinweis. Doch zu verstehen, dass
eine menschliche Geste nützliche Informationen vermittelt, ist eine erstaunlich komplexe kognitive Fähigkeit. Die Hunde meisterten diese Aufgabe mit verblüffender Leichtigkeit. Das bestätigte eine Erkenntnis, die sich damals in Forschungslaboren auf der ganzen Welt immer deutlicher abzeichnete: Die größte Stärke von Hunden besteht nicht nur darin, Kommandos zu lernen, sondern vor allem darin, Menschen zu verstehen und ihre Signale richtig zu deuten. Doch Miklósi ging noch einen Schritt weiter. Seine Studien zeigten, dass sich Gedächtnis, Kommunikation, Problemlösungsfähigkeit, Lernvermögen und soziale Kompetenz nicht immer gleichmäßig entwickeln.
Vielleicht suchten wir nach einer einzigen Intelligenz … obwohl es in Wirklichkeit viele verschiedene kognitive Fähigkeiten gibt.
Und damit stellte sich unweigerlich eine neue Frage. Wenn Intelligenz aus unterschiedlichen Fähigkeiten besteht … ist es dann überhaupt möglich, alle Hunderassen in einer einzigen Rangliste einzuordnen?
Episode 8. Die 2000er Jahre. Ádám Miklósi: Was, wenn Intelligenz gar nicht nur eine einzige Fähigkeit ist?
Während Brian Hare untersuchte, wie Hunde Menschen verstehen, gelangte in Ungarn ein anderer Wissenschaftler auf einem ganz anderen Weg zu einer sehr ähnlichen Erkenntnis.
Der Ethologe Ádám Miklósi, Gründer des Family Dog Project an der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest, erforschte seit vielen Jahren, wie Hunde denken und mit Menschen kommunizieren. Im Laufe von mehr als drei Jahrzehnten nahmen Tausende Hunde verschiedenster Rassen an den Studien dieses Projekts teil, das heute zu den weltweit bedeutendsten Forschungsprogrammen zur Kognition von Hunden zählt. Eines der bekanntesten Experimente war erstaunlich einfach. Zwei identische Behälter. Nur einer enthielt Futter.

Episode 9. 2012. Die Technik kommt ins Spiel: Gregory Berns und das Gehirn der Hunde
Bis zu diesem Zeitpunkt konnten Wissenschaftler nur das Verhalten von Hunden beobachten.
Sie lernten. Sie erinnerten sich. Sie lösten Probleme. Sie reagierten auf unsere Gesten.
Doch all das spielte sich äußerlich ab. Was im Gehirn selbst geschah, blieb ein Rätsel.
Im Jahr 2012 beschloss der amerikanische Neurowissenschaftler Gregory Berns von der Emory University (Atlanta, USA), einen Schritt zu wagen, den viele für unmöglich hielten.
Anstatt Hunde für Gehirnuntersuchungen zu narkotisieren, brachte er ihnen bei, freiwillig einen Magnetresonanztomographen zu betreten und während der gesamten Untersuchung vollkommen still liegen zu bleiben.
Die ersten „Freiwilligen“ des Projekts waren Callie, eine Mischlingshündin aus dem Tierheim, und McKenzie, eine Border Collie-Hündin, die Agility betrieb.
Nach monatelangem Training gelang den beiden etwas Außergewöhnliches: Sie wurden die ersten Hunde der Welt, die freiwillig und bei vollem Bewusstsein an Untersuchungen mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) teilnahmen.

Zum ersten Mal konnten Wissenschaftler beobachten, was im Gehirn eines Hundes geschieht, wenn er auf eine Belohnung wartet, die Stimme seines Menschen hört oder verschiedene Reize verarbeitet. Die Forschung beschränkte sich nun nicht mehr darauf, nur das Verhalten zu beobachten. Jetzt war es möglich, die Aktivität des Gehirns direkt zu untersuchen. Und wieder tauchte eine neue Frage auf.
Wenn im Gehirn unterschiedliche Bereiche für Gedächtnis, Emotionen, Motivation und Lernen zuständig sind … kann man diese ganze Komplexität wirklich in einer einzigen Rangliste der Intelligenz zusammenfassen?
Episode 10. 2022. Universität Helsinki: Der letzte Versuch, die intelligenteste Hunderasse zu finden?
Nach mehr als fünfzig Jahren Forschung schien endlich der Moment gekommen zu sein, die große Frage zu beantworten.
Gibt es wirklich eine Hunderasse, die intelligenter ist als alle anderen? Im Jahr 2022 stellte sich ein Forschungsteam der Universität Helsinki, geleitet von Saara Junttila und Katriina Tiira, dieser Herausforderung mit einer der bislang umfassendsten Studien.
An der Untersuchung nahmen 1.002 Hunde aus 13 verschiedenen Rassen teil. Doch diesmal gab es einen entscheidenden Unterschied.
Die Forscher wollten keinen einzigen Sieger küren. Jeder Hund absolvierte eine ganze Reihe kognitiver Tests. Einige überprüften, wie gut Hunde menschliche Gesten verstehen. Andere maßen Selbstkontrolle, Kurzzeitgedächtnis, räumliche Orientierung oder die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Es war wahrscheinlich der bislang umfassendste Versuch, eine Frage zu beantworten, die Wissenschaftler und Hundefreunde seit Jahrzehnten beschäftigte. Und dann kamen die Ergebnisse. Ja, zwischen den Rassen gab es Unterschiede.
Doch einen eindeutigen Gesamtsieger gab es nicht. Einige Rassen waren besonders gut darin, Menschen zu verstehen.
Andere erzielten bessere Ergebnisse bei räumlichen Aufgaben. Wieder andere zeichneten sich durch eine ausgeprägte Selbstkontrolle aus. Bei Tests zum Kurzzeitgedächtnis oder zum logischen Denken fanden die Forscher dagegen kaum bedeutende Unterschiede zwischen den einzelnen Rassen. Die Studie schien auf eine überraschende Erkenntnis hinzudeuten. Vielleicht lautete die eigentliche Frage nie: „Welche Hunderasse ist die intelligenteste?“ Vielleicht müsste sie vielmehr heißen:
„In welcher Form der Intelligenz ist jede einzelne Hunderasse besonders stark?“
Also … welche Hunderasse ist nun die intelligenteste?
Nach dieser Reise durch mehr als fünfzig Jahre Forschung hast du vielleicht erwartet, dass dieser Artikel mit einem einzigen Namen endet. Es tut uns leid … so einfach ist es nicht. 😉 Die Wissenschaft hat gezeigt, dass es nicht nur eine Form von Intelligenz gibt.
Manche Hunde lernen neue Kommandos in erstaunlicher Geschwindigkeit.
Andere treffen selbstständig Entscheidungen, wenn ihnen niemand helfen kann.
Wieder andere scheinen unsere Gesten und Gefühle beinahe zu lesen, als könnten sie unsere Gedanken erraten.
Und einige verfolgen eine Spur kilometerweit, während wir darin nichts weiter sehen als … einen ganz gewöhnlichen Weg.
Wenn man darüber nachdenkt, wäre es eigentlich seltsam, wenn es eine einzige Hunderasse gäbe, die in allem die beste ist.
Denn dann gäbe es heute wahrscheinlich keine mehr als vierhundert Hunderassen.
Warum hätte man einen Border Collie gezüchtet, wenn der Husky alles besser könnte?
Oder einen Bloodhound, wenn ein Labrador genauso präzise einer Fährte folgen würde?
Oder einen Pudel, wenn jede andere Rasse genau dasselbe leisten könnte? Die Wirklichkeit ist viel spannender.
Jede Rasse wurde über Generationen hinweg gezielt dafür gezüchtet, ganz unterschiedliche Aufgaben zu lösen.
Ein Husky, der seine Familie in den Wahnsinn treibt, weil er immer wieder ausbüxt, wirkt vielleicht wie ein hoffnungsloser Ausreißer …
… bis man ihn sich in der Tundra vorstellt, wo er einen Schlitten über viele Kilometer durch Eis und Schnee führt, weit entfernt von jedem Menschen, und Entscheidungen treffen muss, von denen abhängen kann, ob das Gespann sicher nach Hause zurückkehrt.
Plötzlich wird aus dem „Ausreißer“ ein hoch spezialisierter Experte.
Nicht der Hund hat sich verändert. Sondern die Aufgabe, für die er geschaffen wurde. Und genau das gilt für fast alle Hunderassen.
Vielleicht lautet die richtige Frage deshalb gar nicht: „Welche Hunderasse ist die intelligenteste?“ Sondern vielmehr:
„Intelligent – wofür?“ Denn wenn wir einen Hund auswählen, entscheiden wir uns nur selten aufgrund einer wissenschaftlichen Rangliste. Wir suchen einen Lebensbegleiter. Einen Freund. Einen Sportpartner. Einen Arbeitshund.
Oder einfach genau den Welpen, der uns – ohne dass wir sagen könnten warum – vom ersten Augenblick an das Herz stiehlt.
Vielleicht ist genau das die beste Antwort. Die Intelligenz eines Hundes zeigt sich nicht nur darin, was er alles kann, sondern darin, wie gut seine Fähigkeiten zu dem Leben passen, das er mit dir teilen wird.
Und was ist mit dem Pudel?
Nach dieser ganzen Reise stellst du dir vielleicht eine Frage: „Schön und gut … aber was ist mit dem Pudel?“
Nun – er ist immer noch ganz vorne mit dabei. Nicht, weil er in einer einzigen Disziplin unschlagbar wäre, sondern weil nur wenige Rassen so viele unterschiedliche Fähigkeiten miteinander verbinden: Er lernt schnell, löst gern Probleme, arbeitet hervorragend mit Menschen zusammen und besitzt eine nahezu unerschöpfliche Neugier.
Pudelbesitzer wissen genau, wovon wir sprechen.
Wenn du eines Morgens aufwachst und feststellst, dass sämtliche Schuhe der Familie ordentlich neben deinem Bett aufgereiht stehen, solltest du nicht sofort an Unfug denken. Gut möglich, dass dein Pudel dir auf seine ganz eigene Art nur sagen wollte:
„Es wird höchste Zeit für unseren Spaziergang.“ 😄
Vielleicht gehört der Pudel genau deshalb seit Jahrzehnten zu den intelligentesten Hunderassen der Welt.
Und wenn du bis hierher gelesen hast, weißt du wahrscheinlich auch warum.